05/04/2006 15.30.16



Audio-Special: Großes Interview mit Jürgen Moltmann (80)


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Prof. Dr. Jürgen Moltmann wurde am 8. April 1926 als Sohn eines Studienrates in Hamburg geboren. Er studierte evangelische Theologie in England und nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Göttingen. Von 1952 bis 1958 arbeitete er als Pfarrer und Studentenpfarrer in Bremen. Dann war er fast 30 Jahre lang Professor für Systematische Theologie an der Universität Tübingen. Von Moltmanns zahlreichen Veröffentlichungen fand u.a. sein mehrfach aufgelegtes und in acht Sprachen übersetztes Werk, OTheologie der Hoffnung Begründung und Konsequenzen christlicher Eschatologie¹ weltweite Beachtung. Moltmann versucht darin, das Bloch-Werk ODas Prinzip Hoffnung¹ für seine eigene Reich Gottes Theologie fruchtbar zu machen. Professor Jürgen Moltmann ist seit 1952 mit der Theologin Dr. Elisabeth Moltmann-Wendel verheiratet und hat vier Töchter. Zum Glauben kam der bedeutende Kirchenmann durch seine Erlebnisse im 2. Weltkrieg.
*Die Eschatologie ist in Ihren Werken das beherrschende Thema. Eschatologie < auf griechisch die Lehre der letzten Dinge. Ein ebenso schwieriger wie geheimnisvoller Begriff: Können sie ihn hier in wenigen Worten erläutern?
O Für mich ist Eschatologie die Erwartung des Kommens Gottes in dieser Welt zur Aufrichtung seines Reiches und seines Gerichtes und der Vollendung aller Sehnsüchte und Wünsche der Menschheit. Es ist nicht die negative Erwartung des Endes, sondern es ist die positive Erwartung der Vollendung alles dessen, was wir hier auf fragmentarische Weise von Gott erfahren und erbitten. O
* Sie haben die Eschatologie zum Mittelpunkt Ihres theologischen Programms gewählt: Für Sie bedeutet Eschatologie offenbar vor allem Hoffnung. Sie sind sozusagen der Erfinder der OTheologie der Hoffnung¹. Worin liegt der Kernpunkt dieses Gedankenwerkes?
O Die christliche Hoffnung ist eingespannt zwischen der Erinnerung der Auferstehung Christi von den Toten und der Erwartung der zukünftigen neuen Welt. Das Symbol der Hoffnung ist auf der einen Seite der Horizont. Der Horizont der Erwartung des Lebens wird hell, wenn wir von der Auferstehung sprechen. Auf der anderen Seite ist das Symbol der Hoffnung, die Geburt. Wenn eine Frau ein Kind erwartet, sagen wir: OSie ist guter Hoffnung¹. Die Wiedergeburt des Lebens und die Auferstehung vom Tode, das sind die Begriffe der Theologie der Hoffnung¹.
* Für die meisten Menschen ist es schwierig, sich das jüngste Gericht und die Auferstehung der Toten vorzustellen. Was geschieht nach dem Tod, wo bleiben der Mensch nach seinem Tod bis zum sogenannten Jüngsten Gericht? Fragen, die nicht leicht zu beantworten sindS..
OWir sprechen heute von der Auferstehung im Tode, sodass man nicht an eine Zeit zwischen unserem Tod und der allgemeinen Toten-Auferstehung sprechen sollte. Diese Auferstehung im Tod wird durch das Wort Christi am Kreuz schon deutlicher: Er sagt zu dem, der neben ihm stirbt: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Nicht in drei Tagen, nicht am Ende der Welt, sondern heute. Und deshalb spreche ich davon, dass wir unmittelbar nach dem Tod auferweckt werden und durch die Aufrichtung des Gerichtes in das Ewige Leben kommen. Diese Lehre von der Auferstehung im Tode kommt eigentlich von Luther, wird aber heute von vielen katholischen Theologen, wie zum Beispiel von Karl Rahner, geteilt, sodass wir nicht fragen sollten: wie lange dauert die Nacht von unserem Tode bis zum Jüngsten Tag, denn der jüngste Tag tritt unmittelbar nach dem Tod ein¹.
* Bis zu Ihrer Erfindung der OTheologie der Hoffnung¹ war die Eschatologie ausschließlich ins Jenseits ausgerichtet. Sie haben versucht, sie in die Diesseitigkeit zu transportieren. Sehe ich das richtig? Welche Konsequenzen zeigen sich da auf?
ODie Hoffnung ist eine Kraft im Diesseits, um das Leben neu anzufangen, um wiedergeboren zu werden zu einer Lebensbejahung aus tiefer Depression. Und die Hoffnung ist zugleich ein Trost im Jenseits, über den Tod hinaus. Dies sind keine Widersprüche. Je mehr Kraft uns die Hoffnung im Diesseits gibt, umso mehr Trost gibt sie uns auch auf das Jenseits¹.
* Der Mensch kann sich die zeitliche Unendlichkeit ebenso wenig vorstellen, wie die räumliche oder dimensionale Unendlichkeit. Kann der Mensch diese Dinge mit seiner begrenzten Erkenntniskraft überhaupt erfassen? Was ist Zeit, was Ewigkeit?
OZeit ist für mich die Verheißung der Ewigkeit. Und Ewigkeit ist die Erfüllung der Zeit. Ewigkeit ist erfülltes Leben. Nicht die Zeitlosigkeit, das wäre eine falsche Unendlichkeit oder eher eine Endlosigkeit. Aber Endlosigkeit hat mit der qualitativen Endlichkeit nichts zu tun. Wir gehen nicht mehr auf Plato zurück, wenn wir von Ewigkeit sprechen, sondern auf Boetius: Ewigkeit ist erfülltes Leben, in dem nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. O
* Seit Erscheinen Ihres erfolgreichen Werkes OTheologie der Hoffnung¹ sind mehr als 35 Jahre vergangen. Hat sich an diesem Gedankenwerk im Prinzip etwas geändert?
OAlso an der Hoffnung kann sich nur etwas ändern, wenn sie entweder tief enttäuscht, oder wenn sie erfüllt wird. Solange sie aber weder enttäuscht noch erfüllt ist, bleibt die Hoffnung bestehen, wie ein Stern der Verheißung über unserem Leben. Wenn man sich die Geschichte der Welt oder die eigene Lebensgeschichte ansieht, wird man sagen können: noch ist Polen nicht verloren, noch ist Polen nicht gewonnen, noch ist Europa nicht verloren, noch ist Europa nicht gewonnen. Also leben wir in der Hoffnung und in der Kraft der Hoffnung¹.
* Es ist bekannt, dass das Denken des marxistisch geprägten Philosophen Ernst Bloch und sein berühmtes OPrinzip Hoffnung¹ in Ihrer OTheologie der Hoffnung¹ einen konkreten Niederschlag gefunden hat. Wo begegnen sich hier die Geister?
OErnst Blochs OPrinzip Hoffnung¹ ist eigentlich eine Theorie des jüdischen Messianismus. Darin ist er großartig. Er hat einmal gesagt: Warum haben die Christen keine Hoffnung? Die Bibel ist voll von messianischen Passagen die eigentlich die Christen zu ihrer Hoffnung führen sollten. Das eschatologische Gewissen kam durch die Bibel in die Welt, steht bei Bloch. Und das hat mich fasziniert. Als ich ihn das erste Mal traf, fragte ich ihn: OAber Herr Bloch, Sie sind doch Atheist¹? Worauf er mir antwortete: OIch bin ein Atheist um Gottes Willen¹! Und das ist ein nachdenkenswerter Satz. Sein Marxismus hat mich nie besonders bewegt, ich glaube, auch ihn nicht¹.
* Sie sind mit dem bedeutenden katholischen Theologen Johann Baptist Metz befreundet und gelten wenn ich das so sagen darf - als sein protestantisches Gegenstück. Was der katholische Theologe in seiner OPolitischen Theologie¹ ausdrückt, ist gewissermaßen auch das Anliegen Ihrer OTheologie der Hoffnung¹?
OJa, das stimmt. Ich bin Johann Baptist Metz sehr dankbar für diese Freundschaft und Gemeinsamkeit durch so viele Jahre hindurch. Die OPolitische Theologie¹ war eigentlich unsere Antwort auf das Versagen der Kirchen und der Christenheit auf Auschwitz. Warum hat die Kirche versagt? Es gab genug Helden in der Kirche, aber warum haben die Kirchen geschwiegen? Darüber gibt es eine Menge Gründe zu nennen: wahrscheinlich am meisten, dass man gesagt hat: Religion ist Privatsache und hat mit der Politik nichts zu tun. Und um dieses Gefängnis OReligion ist Privatsache¹ zu durchbrechen, haben wir damals die politische Theologie entwickelt.¹
* Sie sprechen von Auschwitz. Sie kennen den Auspruch: nach Auschwitz kann man nicht mehr an Gott glauben?
OJa, den Auspruch kenne ich. er ist falsch. Ein jüdischer Freund hat mir gesagt: OWir können Hitler nicht einen posthumen Sieg zuerkennen, indem wir nicht mehr an Gott glauben!¹ Denn das wollte er durch Auschwitz erreichen: nicht nur das jüdische Volk, sondern auch den Glauben an den Gott Israels vernichten. Theologie nach Auschwitz ist wie eine Theologie nach Golgatha. Das müssen wir ernst nehmen. Theologie nach Auschwitz ist eine Kreuzestheologie. Wenn die Jünger nach Golgatha von Gott sprechen konnten, dann können auch wir nach Auschwitz von Gott sprechen¹.
* Kreuzestheologie. Ihr 2. großes Werk trägt den Titel: der OGekreuzigte Gott¹. Besteht zwischen Ihrer OTheologie der Hoffnung¹ und Ihrer OTheologie des Kreuzes¹ eine Spannung?
OEigentlich nicht. Der Ursprung des Christentums ist das Kreuz Christi und die Auferstehung Christi. Also: Karfreitag und Ostermorgen. Mit der Theologie der Hoffnung war ich von der Auferstehung Christi und der Theologie von Ostern ausgegangen. Ich mußte zurückkommen auf die andere Seite der Theologie der Hoffnung; nämlich die Theologie des Kreuzes. Und im Kreuz sieht man die Schmerzen der Liebe Gottes zu uns, der uns so weit nachgeht, dass er unsere Schmerzen und unseren Kummer teilt, um uns zum Sieg zu führen.¹
* Sie beteiligen sich intensiv am ökumenischen Dialog, vor allem zwischen Juden und Christen. Wie beurteilen Sie den heutigen Stand der Ökumene. Wo sehen Sie die Begegnungspunkte zwischen Protestanten und Katholiken?
OIch war zur Ökumene gekommen in den Kriegsgefangenenlagern. Als ich Christ wurde und zum Glauben kam. fand ich eine Gemeinschaft von Christen vor, und es war uns egal, ob jemand katholisch, evangelisch, lutherisch oder freikirchlich war. Die Frage war: bist du Christ oder bist du kein Christ. Sodass die ökumensiche Gemeinschaft aller Christen in dem Leiden und in den Verfolgungen den Ursprung der Ökumene darstellt. Auch in Deutschland sind die ersten ökumenischen Verbindungen in der Zeit der gemeinsamen Verfolgungen durch die Nazi-Diktatur entstanden. Darauf sollten wir immer wieder zurückkommen: es ist keine Frage der ökumenischen Konferenzen oder der Theologie oder der Bischöfe, sondern der Menschen vor Ort. Je mehr die Christenheit eine Minderheit in einer multireligiösen Gesellschaft wird, umso mehr müssen wir zueinander kommen. Im Augenblick ist der Zustand der Ökumene nicht so, wie ich ihn erfahren habe, als ich vor 40 Jahren in die Ökumenische Bewegung eingetreten bin. Heute betont man wieder stärker die verschiedenen Profile von Lutheranern und Katholiken, die Verschiedenheit in der Gemeinschaft, während wir früher die Gemeinschaft in der Verschiedenheit betont haben. Ich hoffe aber, dass dies unaufhaltsam uns zueinander führt. Unabhängig davon, ob wir Protestanten oder Katholiken sind: wir sind in erster Linie Christen.¹
* Wichtige Beiträge haben Sie auch zur christlichen Schöpfungslehre geleistet. Trägt diese Lehre auch zum Schutz der Natur, zu einer ökologischen Ethik bei? Und worin würde ein solcher Beitrag bestehen?
OAbgesehen von der Theologie der Schöpfung sehe ich die Beiträge erstens in einer neuen Spiritualität der Natur. Die Wiedererkennung von Hildegard von Bingen zum Beispiel oder von Ernesto Cardenals Ocantico cosmico¹ zeigt, dass wir eine tiefe Spiritualität der Gemeinschaft mit der Natur in unserer Tradition haben. Mystik ist nicht jenseits ausgerichtet, sondern die wahre Mystik sieht Gott in allen Dingen und alle Dinge in Gott und nimmt damit alle Dinge in die Ehrfurcht vor Gott hinein. Und der zweite Beitrag besteht wohl in einer Kultur des Lebens, die Johannes Paul II. immer wieder angemahnt hat. In der Zeit, wo der Tod so allgemein geworden ist und das Töten so leicht geworden ist, brauchen wir eine starke Kultur des Lebens, die in der Liebe zum Leben gründet.¹
* Trinitätstheologie: ein weiteres großes Thema, mit dem Sie sich befaßt haben. Aber auch wieder ein Thema, das zumal für Laien - ganz besonders schwierig ist.
OTrinitätstheologie mag schwierig sein, aber christlicher Glaube ist von Anfang an ein trinitarischer Glaube. In der Gemeinschaft mit Jesus, dem Sohn Gottes, bete ich OAbba, lieber Vater, und erfahre die Kräfte des Lebens, die Kräfte des Heiligen Geistes. So ist christlicher Glaube von Anfang an auf Gott den Vater, Christus den Sohn und den Heiligen Geist als Geist des Lebens ausgerichtet. Und das erfahren wir, wenn immer wir in der Christusgemeinschaft an Gott glauben. Es ist also ganz einfach, man kann es allerdings etwas komplizierter und schwieriger ausdrücken. Eigentlich ist dieses trinitarische Denken ein einfaches Denken: Ich lebe in Gott, Gott lebt in mir, wenn immer ich in der Liebe lebe. Dieses gegenseitige Einwohnen Gottes in uns, wir in Gott, Christus in Gott, Gott in Christus: das ist das trinitarische Denken, ein Denken der Liebe¹.
* Ja, das klingt in der Tat jetzt nicht mehr ganz so schwierig. Ist es nicht so, Herr Professor Moltmann, dass der Mensch sich weniger schwer täte mit dem Glauben, wenn mehr Beweise der Gegenwart Gottes - wie sie etwa der Hl. Thomas gefordert hat auch effektiv sichtbar würden?
OWürden Sie Ihre Frau mehr lieben, wenn sie mehr Beweise fordern könnten? Nein. Es gehört zur Liebe dazu, dass man keine Beweise braucht. Das Vertrauen muss ein volles Vertrauen sein. Beweise gehören zur Kontrolle. Gott ist nicht nur unsere Hoffnung, sondern wir haben auch das Gefühl, das wir die Hoffnung Gottes sind auf dieser Erde. Gott hofft auf uns. Wir sind Gottes Utopie.¹
* Welche erachten Sie als die großen Gefahren, welche als die Chancen unserer Zeit?
ODie große Gefahr ist der Nihilismus. Der terroristische Nihilismus, der ökologische Nihilismus, der mentale Nihilismus, mit dem wir all dieses Elend in den Zeitungen und im Fernsehen hören und uns ansehen müssen, und gegen den wir nichts tun können. Dann versinken wir in Apathie. Dieser neue Nihilismus scheint mir die große Gefahr zu sein. Das Leben wird nicht mehr richtig geliebt, könnte man sagen, mit Albert Camus. - Die Chancen unserer Zeit sind eigentlich größer, als wir sie je erwartet haben. Wer hätte den Zusammenbruch der Sowjetunion und des ganzen Ostblocks erwartet? Keiner. Wer hätte die Wiedervereinigung Deutschlands erwartet? Wer hätte erwartet, dass das Aphartheitssystem in Südafrika ohne großes Blutvergießen zusammenbricht? Keiner. Wir haben in unserer Zeit so viel Zeichen und Wunder erlebt, die uns zu größerer Hoffnung auf die Zunkunft beflügeln sollten, mehr jedenfalls als zu Depression und Angst vor der Zukunft.¹
* Wenn Sie die Gelegenheit hätten, mit Papst Benedikt XVI. zu sprechen: welche Frage würden Sie ihm auf jeden Fall stellen?
O Ich würde gerne mit ihm über die eucharistische Gemeinschaft aller Christen am Tisch des Herrn sprechen. Das ist die große Wunde der Christenheit: dass Christus uns alle ruft zur Kommunion, zur Eucharistie, zum Abendmahl und wir nicht gemeinsam zu ihm kommen.¹
Aldo Parmeggiani, Rom
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